Naturbuch

Vorwort

Das alte Naturblog scheiterte irgendwie jedes Jahr daran, daß ich mich darauf festgefahren hatte, nur Veränderungen in der Botanik darin zu dokumentieren und dann auch nur von einer Region... Je nachdem wie mild der Winter war, überschlug sich erstere oftmals in der Entwicklung; im Frühjahr 2009 humpelte ich außerdem an Krücken durch die Gegend, so daß es währenddessen mit der dafür notwendigen Mobilität nicht sehr weit her war... Und während der anderen Zeiträume war ich sehr oft weiträumiger unterwegs.

Letzteres wird sich zwar in absehbarer Zeit eher nicht ändern, dafür aber verwarf ich nun die innere Vorgabe, daß alle Beobachtungen vom selben Ort stammen müssten. Und zudem gibts ja auch außerhalb der Welt der Botanik und damit auch außerhalb der Vegetationsperiode in der Natur sehr viel zu beobachten und dabei von ihr zu lernen..

Um die Übersichtlichkeit trotzdem zu wahren, fiel die Entscheidung, zukünftige Notizen nicht mehr als Blog sondern als "Buch" zusammenzutragen, gegliedert nach Themengebieten.
Auch soll es keine hochwissenschaftliche Abhandlung ergeben, selbst wenn hie und da ein paar solcher Absätze mit reinrutschen werden - sicher ist meine Denkweise durch den fachlichen Hintergrund entsprechend mitgeprägt - ich möchte hier primär einfach meine Gedanken zu Erlebtem, Beobachtetem mitteilen sowie die Schlußfolgerungen, die ich daraus ziehe. Ohne dabei irgendwelchen von Dritten auferlegten Zwängen genügen zu müssen.

Nun, viel Freude beim Lesen!

Allgemeines

Ein strenger, vor allem schneereicher Winter war zu Gast in diesem Jahr. Seit etwa Silvester schützte pausenlos eine bis ca 40cm hohe Schneedecke den Garten vor dem beißenden Frost, der sich seit Mitte Dezember in mehreren Eislbumenphasen mit Temperaturen bis minus 25°C ein Stelldichein gab.
Ein Bekannter erzählte vergangene Woche, daß an seiner Meßstation hier in Eberswalde der Boden 5 cm unter der Schneedecke noch immer +0,7°C warm war.

In der Konsequenz heißt das vermutlich, daß was vom Schnee nicht an sonnigen Tagen sublimiert, problemlos versickern kann, was ein potentielles Frühjahrshochwasser doch wesentlich entschärfen dürfte.
Auch die Flora wird es zu schätzen wissen, und gleich nach der Schneeschmelze in einem atemberaubenden Tempo in ihrer Entwicklung voranschreiten. Ebenfalls werden uns die Moorfrösche und ihre anderen amphibischen Kollegen bei den Kontrollen am hiesigen Schutzzaun trotz der neu eingebauten Tunnel sehr wahrscheinlich gut auf Trab halten.

Bunte Federbällchen

... flitzen diesen Winter auf dem Holunderstrauch vor dem Fenster meines Arbeitszimmers von Zweig zu Zweig. Im Mittelpunkt ihres Gewusels steht zweifelsohne das Futterhaus, das meine Mitbewohnerin dort aufgehängt hat.
Es ist eine wahre Freude, ihnen zuzusehn!

Im Folgenden möchte ich euch hier an meinen Beobachtungen teilhaben lassen.

...im Januar und Februar 2010

Regelmäßige Gäste hier am östlichen Stadtrand waren bisher:

  • kleine, täglich anzutreffende Trupps von Kohl- und Blaumeisen,
  • ab und an einzelne Weidenmeisen
  • Kernbeißer, meist allein oder zu zweit, selten zu dritt
  • Amseln, in kleinen Trupps
  • Ringeltauben
  • Buntspechte - diese picken sich einzelne Sonnenblumenkerne aus dem Futterhaus heraus, hopsen mit ihnen im Strauch nach oben zu ihrer bewährten Astgabel, in die der Kern hineingeklemmt und anschließend aufgepickt wird.
  • fast schon täglich ein gut 20 Tiere umfassender Schwarm von Bergfinken - sie sind Wintergäste aus Skandinavien.
  • Nebelkrähen sind auch ab und an zu sichten, sie trauten sich aber im Gegensatz zu den Elstern noch nicht bis ans Haus heran.
  • Als hier im Garten auch nicht ganz alltägliche Gäste gesellen sich beizeiten auch mal ein Rotkehlchen und einzelne Grünfinken dazu. Buchfinken machen sich seltsamerweise auch recht rar. Vielleicht ändert sich das ja aber wieder sobald der Frühling beginnt.

Heute (23.02.2010) tanzte eine kleine Besonderheit auf dem Parkett, und zwar gleich zweimal: Ein Mittelspecht. Er nähert sich dem Inneren eines Sonnenblumenkerns auf die gleiche Weise wie ein Buntspecht, nur hat er sich eine andere Astgabel dafür auserkoren...
Und zwei Eichelhäher, die ich bisher hier im Garten noch nicht zu Gesicht bekam, schlugen sich heute richtig gierig den Bauch voll... Ihre Wintervorräte scheinen wohl zur Neige zu gehen...

Frühjahr 2011

Sammelsurium

- Großseggen, v.a. Carex acutiformis und ebenso Schilf sind ganz schön trittempfindlich. Läßt man sie jedoch mehrere Wochen in Ruhe, treiben sie wieder neu aus.

- Die Kombination aus Kratzern von Ranken des wilden Hopfens und Sonnenlicht ergibt dunkle Flecken auf der Haut, die teilweise tage- bis wochenlang brauchen um wieder zu verheilen... Gibt es hier evtl. auch von Inhaltsstoffseite ein Analogon zum Riesenbärenklau?

- Getrocknete Brennesselsamen in Robinienhonig sind ein wunderbarer Energiespender! Die Kombination mit Spitz-/Breitwegerich-Samen steht als nächstes auf der Experimentierliste

- an Hitzetagen: (z.B. Baumwoll-) T-Shirt in Wasser tränken, gut auswringen, anziehn. Hilft effektiv dabei, auch bei >35°C noch nen kühlen Kopf zu behalten.

- Regnet es nach einer längeren Trockenperiode wieder tagelang was das Zeug hält, werden die beiden hier vorkommenden Stechmückenarten (konnte sie leider noch nicht näher bestimmen... Hat wer Tips?) richtig aggressiv... Aber musikalisch sind sie, das muß man ihnen lassen. Jedenfalls verwebte sich ihr zweistimmiges Ständchen letzte Nacht (bei ca 15°C) mit den Trommelwirbeln des Regens auf meinem Tarp zu einem harmonischen Ganzen...
Um dann trotz des Konzertgenusses aber nicht jeden Morgen mit geschwollenem weil mückenzerstochenem Mund aufzuwachen, will ich in den nächsten Tagen mal die vertreibende Wirkung von Rainfarn ausprobieren, von der ich neulich las (D. Hentschel 2002: Eßbare Wildbeeren und Wildpflanzen, Kosmos, S.108).

- Durch die ausgeprägte Trockenheit im Juli nahmen die Stechmückenpopulationen für wenige Wochen rapide ab und erholten sich erst langsam wieder so ab Ende August, nach den ausgeprägten Regenfällen, durch die der Grundwasserstand von zuvor geschätzt 1m unter Flur wieder auf ca 15cm unter Flur anstieg (es gab dann jedes Mal nasse Fußsohlen)
Erklärungshypothese: Nach meinen Internetrecherchen kann man Stechmücken in 2 große Gruppen einteilen - die einen legen ihre Eier direkt ins Wasser ab, die anderen dagegen in feuchtem Schlamm im Überschwemmungsbereich von Gewässern (v.a. Aedes-Arten). Die Entwässerungsgräben sind nur gefüllt bei einem Grundwasserflurstand von max. ca 50cm. Stechmückeneier der zweiten Gruppe können im Schlamm länger überdauern als die Lebenszeit der Imagines beträgt. Letztere sind während längerer Trockenperioden irgedwann alle tot, so daß währenddessen kaum noch welche auf der Suche nach Warmblütern umherfliegen. Steigt der Grundwasserspiegel später wieder an, nimmt die Zahl der Imagines erst zeitversetzt wieder zu, in Abhängigkeit von der Entwicklungsdauer der Larven.

- Ab Mitte August war die Umgebung des Lagerplatzes binnen paar Tagen besiedelt von einer großen Zahl an Radnetzspinnen, v.a. Kreuzspinnen. Diese Phase dauerte an bis ca Mitte/Ende September.

- Ende Juli / Anfang August blühte die Orchideen-Art am Lagerplatz, sie entpuppte sich dadurch als Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine), deren Individuen am selben Ort verdächtig oft wie auf einer Linie angeordnet sind... => Zusätzlich vegetative Vermehrung via unterirdischer Ausläufer/Rhizome?
Gleiches Phänomen beobachtet am Westrand des Steigerwalds (auf Gipskeuper), wo sie hauptsächlich wegrandbegleitend wuchs.