FÖJ-Tagebuch

Auf den folgenden Seiten könnt ihr Eindrücke und Erlebnisse aus meinem Freiwilligen Ökologischen Jahr (Oktober 2006 bis September 2007) nachlesen. Diese Notizen entstanden fortlaufend während dieser Zeit - ich könnte sie noch um viele Details ergänzen, was aber erstmal hintenan gestellt werden muß, da im Moment andere Tätigkeiten Priorität haben.

Meine Einsatzstelle und wie ich dort gelandet bin

Normalerweise beginnt ein Freiwilliges Ökologisches Jahr immer zum 1. September.
Wegen des für Ende September 2006 noch bevorstehenden Umzugs war es jedoch rein organisatorisch unmöglich, schon am 1. September anzufangen. Den FÖJ-Vertrag hielt ich auch erst Mitte September in Händen.

Wie kam ich nun zu meiner Einsatzstelle? Nun, im Frühjahr 2006 war ich schonmal für 1,5 Wochen als Praktikant dort. Und hatte dadurch praktisch schon den Fuß in der Tür.

Es war also Anfang September und ich auf der Suche nach einer FÖJ-Stelle. Telefonate mit übers Internet auffindbaren Einsatzstellen und Trägerorganisationen ergab fast durchweg "Tut mir leid, aber unsre Stellen sind alle besetzt." Nur bei drei Trägern hieß es, ich solle trotzdem meine Bewerbung hinschicken, es bestünde die Chance als Nachrücker reinzukommen. Gesagt, getan.

Ca. 2 Wochen später rief ich beim geographisch nächstgelegenen Träger an um mich nach dem aktuellen Stand der Dinge zu erkundigen. Es waren jedoch immer noch alle Einsatzstellen auf unbestimmte Zeit besetzt.
Spätestens ab Oktober brauchte ich jedoch dringend ein Einkommen, und wollte mir daher fürs Erste noch einen Job suchen, um damit die Zeit bis zum Beginn des FÖJs zu überbrücken.

Das Praktikum im April 2006 in meiner jetzigen Einsatzstelle war mir sehr positiv in Erinnerung geblieben. Also fragte ich dort an, ob denn kurzfristig für 1-2 Monate wieder Bedarf für ne Aushilfe bestünde, und erklärte auch meinen Anlaß hierzu. "Fürn Oktober siehts eher schlecht aus, weil ich da schon nen Praktikanten habe, und das wird sonst rein räumlich etwas eng", hieß es. Allerdings löste meine Anfrage mehrere Telefonate und Internetrecherchen zum FÖJ bei meiner späteren Einsatzstelle aus.

Eine halbe Stunde später klingelte wieder das Telefon:
"Sag mal, wärst du damit einverstanden, das FÖJ bei mir zu machen? Ich hab auch schon mit Frau XY (die Ansprechpartnerin meines Trägers) telefoniert - also wenn du willst, brauchst du nur noch der Form halber deine Bewerbung zu ihr zu schicken."

Ich war nach dieser Frage erstmal richtig platt. Denn mit solch einem Bärendienst hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Was Praktika so alles bewirken... Jedenfalls nahm meine damalige Praktikumsstelle freiwillig den Aufwand auf sich um die Zulassung als FÖJ-Einsatzstelle zu bekommen. :)

Hab natürlich zugesagt - und diese Entscheidung während des ganzen FÖJ und darüber hinaus nicht bereut.
Dem eingangs erwähnten Praktikant kam aus Studiumsgründen dann kurzfristig was dazwischen, so dass damit auch das Platzmangel-Problem erledigt war.

Womit beschäftigt sich meine damalige Einsatzstelle eigentlich?
Laut ihrer Homepage konzentriert sie sich hauptsächlich auf folgende Tätigkeits-Bereiche:

Welche Bereiche ich hiervon näher kennenlernen durfte, ist auf den folgenden Seiten beschrieben.

Besonders schön fand ich immer die Arbeit im Freien, also meist in Wathose eingepackt in Bächen unterwegs zu sein, auch wenn wir dabei mehrere hundert Meter weit durch gut knietiefen Sapropel gewatet sind (mhmmmm - lecker H2S!); die gefangenen Fische zu vermessen, und anschließend die erhobenen Daten mit Excel auszuwerten, denn auch dabei kam noch so manches Interessante ans Tageslicht :-)

Tätigkeiten im FÖJ - Herbst/Winter 2006/07

Die ersten drei Oktober-Tage 2006: Da waren wir quer durch Thüringen unterwegs um den aktuellen Fischbestand von 7 Fließgewässern, von Rinnsaal bis Fluß (von insg. 60), mittels Elektrobefischung zu bestimmen (Monitoring für die WRRL).

Oktober bis Anfang November 06: Aufbereiten der Befischungsdaten mit anschließender Bewertung des aktuellen ökologischen Zustands der untersuchten Gewässerabschnitte (mittels FiBS). Erstellen eines Ergebnisberichts mit Steckbriefen für alle 60 Gewässer.

06.-10. November 06: Mein erstes FÖJ-Seminar. Es fand statt in der Mittelmühle Kleinschmalkalden und im Erlebnisbahnhof Schmalkalden; das Thema war "Reformpädagogik und aktuelle Erkenntnisse der Gehirnforschung zum Thema Lernen lernen". An sich sehr interessant, die Umsetzung hätte jedoch gerne etwas weniger theorielastig sein dürfen...

November bis Mitte Dezember 06: Mitarbeit an Projekt zum Einfluß der Talsperren auf das Temperaturregime des Saalewassers

10.01.07: Ortstermin an einem Wehr an der Saale, an dem eine zusätzliche Turbine zur "Restwasser"-Nutzung eingebaut werden sollte. Ein umstrittenes Projekt v.a. in Bezug auf die Durchgängigkeit flußauf und flußab und den daraus resultierenden Gefährdungen für die Fischfauna. (Streitpunkte u.a. lichte Weite des Rechens und Auffindbarkeit der Fischaufstiegsanlage)

24.01.07: Teilnahme an Gewässerökologie-Seminar in Ranis

26.01.07: Anhören eines Vortrags beim NABU zur Fischfauna in der Saale, und Verfassen eines Zeitungsartikels über diesen Vortrag.

12.-16.02.07: Mein zweites FÖJ-Seminar, auf dem Naturerlebnishof in Hausen im Wipfratal (am Rand des Thüringer Beckens) - im Vergleich zum vorhergehenden eine äusserst erlebnisreiche und wunderschöne Woche! Das Thema war Ernährungsökologie. :-)

Tätigkeiten im FÖJ - Frühjahr 2007

21.02.07: Ortstermin Nordwestlich von Gotha, zwecks Vorbesprechungen und Ortsbesichtigung für eine anstehende Gewässerentwicklungsplanung

22.02.07: Seit langem gehts endlich mal wieder raus zum Befischen - diesmal ist Fische evakuieren im Lkr. ABG, an der Pleiße angesagt. Der Hintergrund für die Evakuierung: Sanierungsarbeiten an einer Staumauer. Dieser Tag war aber nur der erste Streich.

2./3. März 07: Teilnahme an der Tagung der Arbeitsgruppe Artenschutz Thüringen in Jena zum Thema "Fischartenschutz und Gewässerökologie" (war sehr interessant)

24. März: Teilnahme an Messe "Reiten, Jagen, Fischen" in Erfurt; mein Chef hatte dort einen kleinen Stand, an dem die Besucher das Makrozoobenthos aus einem Bach bei Jena mithilfe eines Binokulars bestaunen konnten. Ich kam mir am Abend, nachdem ich zigmal die Arten und deren Anpassungen an ihren Lebensraum runtererzählt hatte, zwar vor wie eine hängengebliebene Schallplatte, doch insgesamt war es eine sehr schöne Erfahrung. :-)

03. April: Fische evakuieren an der Pleiße, Teil 2. Solch hohe Fischdichen hatte ich bisher noch nicht gesehen - ca 250kg Fisch in einem Volumen von ca 10x60x0,7m^3 - wir hatten grademal mit etwa 1/10 davon gerechnet... Da wir an diesem Tag fürs Biomasse-Projekt (s.u.) nicht wie sonst nur die Länge der Fische, sondern von einem repräsentativen Teil des Bestandes auch noch die Masse jedes Exemplars ermittelt haben, zog sich die Datenerhebung extrem in die Länge...
Dieses war der zweite und auch letzte Streich (bei dem ich mit dabei war).

16. April 07: Ab heute beginnt die Arbeit an meinem eigenen FÖJ-Projekt:
Nämlich herauszufinden, welche biotischen und abiotischen Faktoren einen signifikanten Einfluß auf die Biomasse von Fischpopulationen haben. Derzeit noch methodisches/inhaltliches Neuland, aber von der Fragestellung her sehr interessant. Laufzeit des Projekts ist bis vorraussichtlich Ende Juli.

23.-27. April: Mein drittes FÖJ-Seminar, diesmal auf dem Rittergut Lützensömmern (nordwestlich von Straußfurt). Diesmal: Medienseminar zum Thema Erneuerbare Energien.

Tätigkeiten im FÖJ - Sommer und Herbst 2007

2.-4. Mai + 8., 11., 12. und 14. Juni: E-Befischungen der Werra, Schleuse und Hasel zwecks Erfolgskontrolle für das "Modellvorhaben Vernetzung und Verbesserung aquatischer Lebensräume - Umsetzung im Werra-Einzugsgebiet". (Koordiniert vom Staatlichen Umweltamt Suhl)
Im Anschluß jeweils Digitalisieren der Fangdaten und deren Aufbereitung für die Bewertung durch "FiBS".

14.-16.Mai + 29.Mai-01.Juni: Kartieren der Botanik in und am Wasser der Bäche und Gräben in der Gemeinde Behringen (WAK) zusammen mit einem Arbeitskollegen, der die Strukturgüte dieser Gewässer kartiert hat.
Hintergrund: Istzustandserfassung für eine Gewässerentwicklungsplanung. Konkret: Mal bei sengender Sonne, mal strömendem Regen bewaffnet mit Bleistift und Klemmbrett, eingepackt in Watstiefel an den Bächen entlangzuwatscheln, dabei durch bauchhohe Vegetation auf Gewässerrandstreifen zu staken, ständig Böschungen hoch und runter zu kraxeln und sich ggfs. beim Laufen im Gewässerbett mit dem Klemmbrett wie mit einer Machete durch die Botanik zu schlagen. Und dabei natürlich immer fleißig aufzuschreiben was da grad schönes grünt und blüht, auch wenn sich schon nach den ersten 50m in Sachen Artenzusammensetzung und rel. Häufigkeiten nicht mehr wirklich was ändert... Auffällig: Sobald die Bäche aus dem engen Korsett ihres Trapezprofils entfliehen konnten, ging die Artenzahl innert weniger Meter rasant in die Höhe. Zudem hatte ich den Eindruck, dass es einen gewissen Zusammenhang zwischen der Einleitung konzentrierter Abwässer und dem Vorkommen bzw. den Abundanzen einzelner Helo- und Hydrophyten zu geben scheint.

Ab 6. Juni: Weiterarbeiten am Biomasseprojekt: Erste Berechnungen der Biomasse [kg/ha] von Fischpopulationen anhand der Fangdaten bisheriger Befischungen. Da bis jetzt die Daten von ~ 100 Probestellen vorliegen, bedeutet das erstmal Unmengen an Fleißarbeit, da für jede Excel-Datei die selben Vorgänge durchgeführt werden müssen. Heute (7. Juni) waren erste Versuche, dieses "Schema F" mithilfe von Makros zu automatisieren, geglückt. *riesigdrüberfreu* Will nun versuchen, so viele wie möglich von diesen "Fleißarbeiten" mittels Makros zu "entmühsamen". Das bedeutet andererseits, dass solche Aufgaben nun endlich mal einen Reiz bekommen, weil ich wieder was zum Basteln gefunden hab. ;-)

09. Juni: Teilnahme an der Hauptveranstaltung des diesjährigen GEO Tag der Artenvielfalt in Crawinkel; diesmal zusammen mit meinem Chef als Mitglied seines "Expertenteams"; wir wiesen mittels Elektrobefischung nach, dass es sich beim Lütschebach um einen der (wenigen) Bäche am Rand des Thüringer Waldes handelt, in denen noch ausschließlich leitbildkonforme Arten vorkommen und das auch mit den geforderten Abundanzen. Ursache war hier offenbar jahrelange Nichtbewirtschaftung.

Ein Artikel und ein paar Bilder von diesem Tag sind auf der GEO-Homepage online. Ein ausführlicherer Bericht, u.a. mit Bildern jedes Expertenteams war in der Beilage zur Septemberausgabe 2007 von GEO zu sehen.

25.-29. Juni: Mein 4. und gleichzeitig auch letztes Seminar. Zum krönenden Abschluß waren wir die erste Wochenhälfte in der landschaftlich wunderschönen Rhön (westl. von Meiningen); Donnerstag und Freitag erkundeten wir dann den Oberlauf der Werra von Trostadt bis kurz oberhalb Einhausen mit dem Kanu. Hat riesig Spaß gemacht (war beinah das schönste Seminar von allen, aber nur beinah), evtl. auch weil von den insg. ca 30 Leuten unsrer Seminargruppe fast die Hälfte (sprich die desinteressiertesten) gar nicht erst erschien und es dem Rest freigestellt war, ob er zum Kanufahren mitfährt oder nicht. So waren wir an den letzten zwei Tagen gerade mal noch insg. 10 Leute, von denen aber so gut wie alle mit Freude bei der Sache waren und auch eine riesen Gaudi beim Kanufahren hatten. :-)
Schade eigentlich, dass das letzte Seminar schon vorbei ist... U.a. weil ich dadurch auch die paar Leut aus unsrer Gruppe, mit denen ich mich gut verstand, höchstwahrscheinlich so schnell nicht wiedersehn werd; und weil jedes Seminar wieder interessante Erfahrungen/Erlebnisse mit sich brachte.

Juli 2007: Das Biomasse-Projekt geht in seine Endphase - Mittels weiterer Makros war es nun möglich die Biomasse für jede Probestelle mit verhältnismäßig geringem Zeitaufwand zu berechnen und die Daten danach in 1 Datei zusammenzufassen. Anschließend erfolgte eine statistische Analyse auf Zusammenhänge zwischen der Biomasse und anderen zu den Probestellen erhobenen Faktoren mithilfe der Spearman Rank Order Correlation.
Einige meiner Vermutungen wurden dabei erfreulicherweise bestätigt... :-)

15. August bis 14. September 2007: Und erneut laufen wir beim Befischungsmarathon fürs thüringenweite WRRL-Monitoring mit. Dieses Jahr sinds zum Glück nur etwa 40 Probestellen (letztes Jahr dagegen insg. 60) bei denen bis auf eine überall watend befischt wird. Hab dabei auch wieder viele liebe Leute kennengelernt. Interessante Erfahrungen waren bisher z.B., dass v.a. abwasserbelastete total verbaute Gräben (z.B. im Thüringer Becken) die reinsten Wundertüten in Sachen Artenzusammensetzung sein können (z.B. ein sich offensichtlich selbst reproduzierender Elritzenbestand bei nem Leitwert von ca 1500 µS/cm, pH 9,0 und total verschlammter Sohle! *staun*), Gründlinge richtige Dreckspatzen sein können, aus einer "Fischsuppe" von Stichlingen und jungen Groppen die Länge jedes einzelnen Exemplars zu messen etwas weniger lustig ist (pieks), und man sich beim Aale-messen möglichst vor deren Maul in Acht nehmen sollte, da sie einen sonst ganz schön zwicken können. In der unteren Helbe (Kyffhäuserkreis) schwimmt zudem das gleiche Meersalat-ähnliche Grünzeug wie in der Werra unterhalb der Einleitungen von Kali&Salz.

Nach diesem Befischungsmarathon waren es leider nur noch 3 Tage bis zu meinem Umzug, damit dem Ende des FÖJ...

Insgesamt fand ich es ein sehr spannendes, lehrreiches und unheimlich abwechslungsreiches Jahr. Aus meiner heutigen Perspektive (Januar 2008) einfach das Beste, was mir damals passieren konnte.